Gedankensplitter 7/26
Quelle: Freepik

 Diese Darstellungsform macht mir deutlich, wie sehr ich schon als kindlicher Betrachter gerade die «Nebenrollen» faszinierend fand: der römische Statthalter, Soldaten und Henkersknechte, schadenfrohe Anführer und lieblose Gaffer am Strassenrand (heute bin ich mir auch bewusst, wie antijüdische Stereotypen die Botschaft verfälschen, gar pervertieren können).

Nur eingebettet in diese menschliche «Szenerie», so bin ich überzeugt, kommt zum Ausdruck, wie sich Gott selber in Jesus den Menschen «ausgeliefert» hat – «sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod», heisst es im Philipper-Hymnus (Phil 2,8). Die Stationen des Kreuzwegs zeigen kein der Welt entrücktes «Mysterienspiel», sondern den brutalen Leidensweg eines verleumdeten, gefolterten, zum Tode verurteilten – ganz konkreten – Menschen. Diese verstörende Wahrheit hat es sogar in unser Glaubensbekenntnis geschafft: «Gelitten unter Pontius Pilatus».

Umso wichtiger, so wird mir beim Meditieren der Stationen stets bewusst, sind jene Menschen, die sich der geifernden Massenhysterie entziehen und die mitleidslose Blindheit der «Helfershelfer» durchbrechen: Simon von Cyrene packt mit an, Veronika lindert den Schmerz, Maria, Maria Magdalena und Johannes bleiben treu an der Seite Jesu… Die Kreuzweg-Stationen rufen uns auf, ermutigen uns alle, selber an der Seite der Leidenden, Geschundenen, Ausgestossenen, Missverstandenen zu stehen – ganz konkret, im Hier und Jetzt.

Boris Schlüssel, Kaplan

Gelitten unter Pontius Pilatus

Die Kreuzweg-Stationen in unserer 200-jährigen barocken Dorfkirche haben mich schon als Kind fasziniert – ich kannte die 14 Stationen par coeur, schon lange bevor wir sie im Religionsunterricht auswendig lernen mussten: «1. Station: Jesus wird zum Tod verurteilt», «2. Station: Jesus nimmt das schwere Kreuz auf sich», «3. Station: Jesus fällt das erste Mal unter dem Kreuz». Besuchten wir auf Ausflügen oder in den Ferien eine Kirche, musste ich unbedingt sämtliche Kreuzweg-Stationen genau inspizieren. Noch heute halte ich in Kapellen und Kathedralen stets Ausschau nach dem Kreuzweg – die Vielfalt der künstlerischen Stile und erzählerischen Darstellungen finde ich inspirierend.

Ziemlich befremdlich allerdings sind für mich – meist zeitgenössische – Kreuzweg-Stationen, die Jesus aus dem Geschehen des Karfreitags herauslösen und ihn ganz allein darstellen, gebückt und bedrückt vom schweren Kreuz.